500 Meter Höhe, kribbelnde Beine und schwitzige Hände: Ein Selbstversuch als Pilotin mit der Motorfluggruppe Thurgau

Dem Adrenalin bin ich noch nie nachgejagt und die Angst vor Höhen begleitet mich seit meiner Kindheit. Ein Schnupperflug mit der Motorfluggruppe Thurgau in Lommis soll zeigen: Kann ich trotzdem Pilotin werden?

Text: Jessy Nzuki; Bilder: Benjamin Manser

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der Thurgauer Zeitung erschienen, 11.09.2025. (Bilder von Benjamin Manser)

In dieser Robin DR40 werde ich für einen Abend lang zur Pilotin.

Mein Sitz ruckelt. Der Motor dröhnt. Der Propeller verwischt die Aussicht auf das Gras. Immer schneller fahren wir über die Piste. Und dann plötzlich: Wir fliegen. Die Räder der kleinen weiss-roten Maschine sind nicht mehr auf dem Boden. Die Thurgauer Landschaft erscheint immer kleiner. Ich atme ein und schaue nach unten. Fürchte ich mich? 

André Heinzelmann erklärt mir, worauf Pilotinnen und Piloten achten müssen.

Schon als Kind haben meine Knie gezittert, wenn ich irgendwo in der Höhe stand. Sei es auf dem Balkon eines Hochhauses oder bloss auf dem Klettergerüst des Quartierspielplatzes. Mein Herz schlug schneller, meine Beine kribbelten und meine Hände schwitzten. Ich wollte einen Schritt weg vom Abgrund machen, doch traute mich nicht, mich zu bewegen. Die Höhenangst war schon immer da; eine Erklärung für sie habe ich nicht.

André Heinzelmann ist Vereinspräsident der Motorfluggruppe Thurgau und als Fluglehrer für die Schnupperflüge zuständig.

Als mich André Heinzelmann, Fluglehrer und Vereinspräsident der Motorfluggruppe Thurgau, nach einem Telefon-Interview auf einen Schnupperflug eingeladen hat, war mein Instinkt, abzulehnen. Doch er meinte, ich müsse mich nicht sofort entscheiden. Ich legte auf und war etwas perplex. Und neugierig. So eine Chance erhalte ich kein zweites Mal. Ich wäre blöd, das nicht zu machen.

Eine Mischung aus Neugier und Nervosität
Flugangst hatte ich noch nie. Doch die Maschinen, welche die Piloten auf dem Flugplatz Lommis nutzen, sind bedeutend kleiner als kommerzielle Linienflugzeuge. Wird mich in der viersitzigen Robin-Maschine die Höhenangst überfallen?

Höhenangst und Flugangst

In der Schweiz sind rund 400’000 Menschen von Höhenangst betroffen. David Elsasser ist Höhencoach. Er hat selbst unter Höhenangst gelitten und hilft nun anderen, die Angst zu überwinden. Er weiss: verschiedene Faktoren können Höhenangst begünstigen. Ein hohes Kontrollbedürfnis, wenig Risiken als Kind, Stress im Alltag, Unsicherheit im Alter oder auch traumatische Erlebnisse gehören dazu.

Eine Verbindung zwischen Höhen- und Flugangst sei möglich, aber nicht zwingend, sagt Elsasser. Da Höhenangst eigentlich die Angst vor dem Fallen ist, könnte das auch auf das Fliegen zutreffen. Andererseits sei es möglich, dass der geschlossene Raum eines Flugzeugs ein Sicherheitsgefühl vermittelt.

Seit fast 80 Jahren betreibt die Motorfluggruppe Thurgau ihre eigene Flugschule. Für viele ist der Schnupperflug der erste Schritt auf dem Weg zur Privatpiloten-Lizenz. Heinzelmann sagt, dass sich jeder Zweite nach dem Schnupperflug für die Flugschule anmelde. Doch ich bin Laiin, habe keine besondere Faszination für das Piloten-Leben und in meiner Kindheit weder Modellflugzeuge gebaut noch Flugsimulator gespielt.

Lieber nicht zu viel im Magen

Heinzelmann begrüsst mich im Restaurant des Flugplatzes. Er bietet mir einen Kaffee an, doch das scheint keine gute Idee. Milch und Koffein mischen sich nicht gut mit dem Kribbeln in meinem Magen.

Vor Abflug müssen die Wetterverhältnisse überprüft werden.

Briefing und Checks – Heinzelmann erklärt, was Pilotinnen und Pilotinnen alles erledigen müssen, bevor sie überhaupt ins Flugzeug steigen können. Für mich hat er das alles schon erledigt. Heinzelmann, unser Fotograf Benjamin Manser und ich fliegen zum Rheinfall.

Auf Pilotenseite

André Heinzelmann erklärt, was er bei der Kontrolle des Fliegers prüft.

Nach einer Kontrollrunde um das Flugzeug darf ich über die Flügel der Maschine einsteigen. Links – auf Pilotenseite. Mit einem kleinen Buch in der Hand geht Heinzelmann die Checks durch.

Auf Englisch stehen knappe Anweisungen in der Checkliste.

«Nicht wie am Flughafen Zürich»

Wir fahren über den Rasen hin zur Startpiste. Der Motor wird immer lauter, ich höre Heinzelmann nun nur noch über das Headset. Er startet und sagt: «Ist halt eine Graspiste und nicht wie am Flughafen Zürich.» Doch ich bin überrascht. Es wackelt leicht, aber nicht mehr als auf einer holprigen Zugfahrt.

Schnell haben wir unsere Höhe von 2’900 Fuss erreicht. 900 Meter über Meer, 500 Meter über Boden. Ich wage den ersten Blick nach unten. Es kribbelt in meinen Beinen und ich reibe die Hände an meiner Hose. Doch ich habe keine Angst. Es ist Aufregung und Adrenalin.

Wie der Controller meiner Playstation

Versunken darin, möglichst viel von der Aussicht wahrzunehmen, höre ich Heinzelmanns Stimme durch die Kopfhörer: «So, jetzt bist du dran.» Den Steuerknüppel greife man locker, drei Finger reichen. Ich zögere und traue mich einen Moment lang nicht, das Steuer anzufassen. «Nur zu», sagt er.

Ich ziehe minimal nach links. Wenn der Steuerknüppel ein Autolenkrad wäre, hätte sich das Auto gar nicht vom Kurs bewegt. Doch das Flugzeug dreht sich nach links. Nun fliegen wir leicht schief.

Es macht Spass. Ein Gefühl, das ich nur mit Videospielen vergleichen kann. Man hat einen Controller in der Hand und alles bewegt sich, wenn man nur ein wenig steuert. Nur ist es hier das echte Leben.

Ich erinnere mich, wie Heinzelmann vom Freiheitsgefühl erzählte, und verstehe es besser. Hier oben gibt es keine Strassen, denen es zu folgen gilt, keine Hindernisse.

Alles erscheint surreal klein

Ich folge dem Rhein, sehe die Schlaufe, die der Fluss in Rheinau macht, und plötzlich taucht der Rheinfall in meinem Blickfeld auf. Die Aussicht fesselt mich, meine Kurve versagt, Heinzelmann fliegt für mich eine zweite Runde.

Aus dieser Perspektive habe ich den Rheinfall noch nie gesehen.

Immer wieder deutet Heinzelmann auf eine Stadt: Diessenhofen, Stein am Rhein, Eschenz, Öhningen, Matzingen. Für mich sehen sie aus wie kleine Ansammlungen an Häusern, als hätten Kinder einen Nachmittag lang Playmobil-Dörfer errichtet.

Schon wieder Zeit zu landen

Viel zu schnell geht es zurück in Richtung Flugplatz Lommis. Heinzelmann übernimmt, erklärt den Landeanflug und die Checks vor der Landung.

Der Windsack ist ein wichtiges Hilfsmittel für die Pilotinnen und Piloten.

Um 17.20 Uhr sind wir gestartet. 35 Minuten später stehen wir wieder auf dem Flugplatz. Ich bin begeistert, sprachlos und grinse nur vor mich hin.

Meine Höhenangst hat nicht gesiegt, sie hat sich nicht einmal gezeigt. Dafür habe ich eine neue Faszination fürs Fliegen. Ich verstehe, warum man sich danach für die Flugschule anmeldet.

Der Schnupperflug ist getan. Nun ab nach Hause: Topgun schauen.

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