Grossmutters Schrank muss in die Mulde: Möbel verkaufen sich in Brockenhäusern der Region St.Gallen je länger, je schlechter

In den Brockis boomt das Geschäft mit der Kleidung. Haufenweise Säcke werden gespendet und fast ebenso viele verkauft. Doch nicht für alle Abteilungen sieht es so rosig aus. Die Möbel rücken in den Hintergrund. Drei Brockis in der Region St.Gallen berichten, warum.

Text und Bilder von Jessy Nzuki, veröffentlicht am 14.1.2026

Vor zwei Jahren hat das Team der Gossauer Heilsarmee-brocki.ch die Möbelabteilung verkleinert und dafür den Bereich Heimtextilien ausgebaut.

Der Bauernschrank aus Massivholz, die Glasvitrine aus dem vergangenen Jahrhundert oder doch die moderne Lampe mit buntem Schirm? Wer etwa ausgefallenere Möbel möchte, geht oftmals ins Brockenhaus.

Doch in den vergangenen Jahren sind die Möbelabteilungen der Brockenhäuser geschrumpft. Auch Möbel zu spenden, ist nicht mehr so einfach. Warum Möbel nicht mehr gefragt sind, erzählen drei Brockibetreibende.

Antike Truhe bleibt stehen

«Grosse Schiebetüren-Schränke verkaufe ich gar nicht mehr», sagt Alejandro Wiener. Zusammen mit Monika Bader führt er seit zehn Jahren die Brockenstube Rorschach GmbH.

Er steht in der Möbelabteilung seines Geschäfts zwischen Couch-Tischen, Kommoden und Sofas. Grosse Schränke seien zu viel Arbeit und liessen sich nur schlecht verkaufen. Bei den Hausräumungen müsse er die Schränke regelmässig ablehnen. «Wenn ich für den Preis nur die Arbeitszeit und einen kleinen Gewinn einrechne, sagen mir die Kunden oft, dass sie für nur wenig mehr Geld einen neuen Schrank bei Ikea kaufen können.» Auch für moderne, fast neuwertige Möbel sei es oftmals schwierig, einen angemessenen Preis zu erhalten.

Monika Bader und Alejandro Wiener sind seit zehn Jahren Inhaber des Brocki Rorschach.

Die Möbel stammen von Spenden und Hausräumungen. Manchmal könne er fast alles von einer Räumung wiederverkaufen, manchmal gehe aber auch alles in die Entsorgung. Das sei schwierig einzuschätzen. Doch Wiener weiss, auf welche Möbel er den Fokus legt. «Wir konzentrieren uns auf moderne Sachen und kleinere Möbel, die ich in den Lieferwagen laden kann, ohne sie auseinanderzunehmen.»

Bauernschränke und Möbel im Brocki Rorschach.

Bauernschränke liessen sich noch am ehesten verkaufen, eine 200 Jahre alte Truhe hingegen steht schon seit einigen Wochen auf der Verkaufsfläche. Angefangen habe er bei einem Preis von 600 Franken. Mittlerweile musste Wiener sie auf 180 Franken senken. Wenn sie bald nicht verkauft ist, kommt sie in die Pressmulde, die vor dem Eingang des Brockis steht. Wiener sagt: «Das ist einfach schade, darum versuche ich es doch immer wieder.»

Im Herbst wollen alle schöner wohnen

Auf etwa 470 Quadratmetern bietet das Blaukreuz-Brocki in St.Gallen Möbel an. René Nacht ist Betriebsleiter der Filiale und arbeitet dort seit 17 Jahren. Eine Reihe von Betten, ein Bereich voller Tische und Schränke an den Wänden – die Auswahl ist gross. Nacht sagt: «Wir haben von allem etwas.»

Im Blaukreuz-Brocki reihen sich moderne Möbel neben antike Funde.

Und eine klare Linie gibt es nicht. Ein detailliert bemalter alter Schrank steht neben dem klassischen, weissen Ikea-Regal. Es gebe Trends, doch die seien schwer zu definieren, sagt Nacht. Bei einer Hausräumung achtet sein Team zuerst auf aussergewöhnliche Funde. Wenn sie einiges brauchen können, dann nehmen sie auch das gewöhnlichere Stück noch mit. «Wir sind ja schon in der Wohnung. Extra zu fahren wäre zu aufwendig gewesen.»

René Nacht ist Betriebsleiter des Blaukreuz-Brocki in St.Gallen.

Insgesamt habe in ihrer Filiale der Verkauf von Möbeln leicht abgenommen. Deutlich spürbarer seien aber die saisonalen Unterschiede. «Im Frühling wollen alle nach draussen und kaufen dafür Kleidung», sagt Nacht. Die Hochsaison für die Möbel sei der Herbst. Da würden die Leute ihren Fokus wieder auf das eigene Zuhause richten. «Dann bekommen wir mehr Möbelspenden und verkaufen auch mehr.»

Das grösste Problem ist gemäss dem Filialleiter der Platz. Anders als das Rorschacher Brocki hat das Blaukreuz-Brocki kein Lager für Möbel. Was reinkommt, muss direkt auf die Verkaufsfläche. Da sei es auch schon vorgekommen, dass ein Schrank zuerst in seinen Einzelteilen in einer Ecke stand, bis ein Platz frei wurde.

Das Billy-Regal aus der Ikea verkauft sich am besten

Im Gossauer Heilsarmee-brocki.ch sind keine grossen Schränke mehr zu finden. «Wir konzentrieren uns auf Möbel, die schnell rotieren und wenig Platz brauchen», erklärt Filialleiter Moris Nardi. Darunter fallen Couch- und Beistelltische, Stühle und Regale.

Moris Nardi ist Filialleiter des Heilsarmee-Brocki in Gossau.

Diese Filiale der Heilsarmee führt keine Hausräumungen oder Abholungen durch. Wer Möbel spenden will, darf sie selbst bringen. Aus Erfahrung nehmen Nardi und sein Team Betten und Schränke gar nicht mehr an. Erstere sind neu so günstig, dass es sich für das Brocki nicht lohnt. Letztere sind zu aufwendig zu montieren. «Einen schönen Schrank montieren wir und drei Tage später dürfen wir ihn gleich wieder abmontieren, weil er verkauft wurde», sagt Nardi. Da lohne sich der Arbeitsaufwand nicht.

Erstaunlich gut verkaufen sich Ikea-Klassiker. «Möbel, die jede zweite Person zu Hause hat, die sind meist schnell weg», sagt Nardi. Diese seien bekannt, einfach mit anderen Möbelstücken zu kombinieren und eine sichere Variante, vermutet er. Auch ältere Möbel finden laut Nardi Anklang. Das Kriterium: Die Möbel sind so alt, dass sie dadurch wieder interessant sind. Diese seien dann für Liebhaber.Ich muss die Berechtigungen für die Nutzung der Zwischenanlage aktivieren. 

Kuriositäten wie diese alten Babybetten sind etwas für Sammler und Liebhaber.

Die Kundschaft für Möbel habe abgenommen, weiss Nardi. Das sei ein Kreislauf: Brocki-Fans wissen, dass die Gossauer Filiale wenig Möbel hat und suchen daher dort gar nicht mehr danach. Den Hauptumsatz generiert das Gossauer Brocki mit dem Verkauf von Bekleidung.

Keine Konkurrenz, sondern Partner

Brockis können viele Möbel nicht annehmen, wohin also damit? Oftmals ist die Entsorgung die Alternative. Entsorgungsunternehmen liefern Mulden an Privatpersonen oder führen gar Räumungen durch.

Doch das grosse Geschäft, weil weniger Möbel gespendet werden können, machen sie nicht. Eine starke Zunahme sei nicht zu spüren gewesen, sagt sowohl Patric Kolb, Betriebsleiter des Recycling Center West der Schlaepfer Altmetall AG, als auch Daniel Schnider, Verkaufsleiter der Schnider AG.

Gemäss Kolb erreichen im Schnitt 20 Anfragen für Mulden pro Woche den Entsorgungshof in Winkeln. Sowohl zu beliebten Zügelterminen Anfang März oder Ende November als auch in den Ferien sei viel los.

Auch in den Brockis nehmen Spenden und Kundschaft zu diesen Zeiten zu. Doch der Platz fehlt und die Nachfrage sinkt. So landet der Bauernschrank vermehrt in der Mulde statt im Brocki.

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