Eine euphorische Aufbruchsstimmung trieb St.Galler Kaufleute im 19. Jahrhundert in ferne Länder. Mit nach Hause brachten sie nicht nur Exportwege, sondern auch Sammlungsstücke. Die Geschichte dahinter können Interessierte ab Freitag im Kulturmuseum erkunden.
Text: Jessy Nzuki; Bilder: Ralph Ribi. Dieser Beitrag ist am 7.11.2025 im St.Galler Tagblatt erschienen.

Museumsdirektor Peter Fux, wissenschaftlicher Mitarbeiter Maurice Bauvin und Kuratorin Monika Mähr (von links) sprechen über die Geschichte hinter den Sammlungsstücken.
Ein Nachmittag im Museum. Man schlendert durch die Gänge, betrachtet die Gegenstände in den Schauboxen und überfliegt die eine oder andere Informationstafel. Da steht, woher der Speer stammt, wann die Schale geformt wurde oder welche kulturelle Bedeutung die Figur hat. Doch eine Frage bleibt: Wie sind diese Dinge überhaupt im Museum gelandet?
Dem geht die neue Ausstellung «Die Welt ins Museum – vom Handeln, Sammeln und Entdecken» des Kulturmuseums St.Gallen auf den Grund. Dabei beleuchtet sie nicht nur die eigene Sammlungsgeschichte, sondern gibt zugleich Einblicke in St.Gallens Geschichte. So wird deutlich, wie eng die Lokalgeschichte mit dem Weltgeschehen verbunden ist.
Kuratorin Monika Mähr, wissenschaftlicher Mitarbeiter Maurice Bauvin und Direktor Peter Fux geben eine erste Führung durch die «wichtigste Ausstellung des kommenden Jahres». Auf 300 Quadratmetern wird die Sammlungsgeschichte in vier Etappen erzählt. Angefangen bei einer Wunderkammer, weiter zum Handels- und dem Völkermuseum bis hin zum heutigen Kulturmuseum.
Kaufleute sammelten Kautschuk und Schildläuse
Während in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Aufbruchstimmung die Menschen in ferne Länder lockte, reisten auch Kaufleute aus St.Gallen um die Welt. Eine Suche nach neuen Absatzmärkten begann – so auch für die Ostschweizer Textilindustrie. Zu Beginn der Ausstellung zeigt eine Videoinstallation Bilder von der Industrialisierung, Technologisierung und Elektrifizierung, welche die Umbrüche der Zeit verdeutlichen.

Dampfschiffe und Eisenbahnen – hier als Modell der St.Galler Bahnhof – gehören zu den Fortschritten des 19. Jahrhunderts.
Im Jahr 1878 gründeten Kaufleute die «Ostschweizerische Geographisch-Commercielle Gesellschaft», die den Ursprung der ethnologischen Abteilung des Kulturmuseums bildet. Sie hatte zwei Absichten: Handelsniederlassungen etablieren und Forschungsexpeditionen fördern. Bei ihren Reisen haben die Kaufleute alles Mögliche gesammelt – in der Ausstellungsbox liegen Baumwolle, Kautschuk, Chinarinde, Spanischer Pfeffer und Cochenille-Schildläuse.
Museumsdirektor Peter Fux betont, dass es nicht nur «ein Wollen nach fernen Reisen» war, sondern ein «Müssen». Um sich in der wandelnden Wirtschaft zu behaupten, mussten die Kaufleute neue Absatzmärkte erschliessen. Doch es handelte sich bei ihnen um gebildete Leute, ergänzt Kuratorin Monika Mähr. So sei ihr Interesse nicht einfach rein ökonomischer Natur gewesen, sondern sie hätten sich für Kulturen und Länder interessiert.

Um 1900 haben die Sammler versucht, die Ausstellungsstücke ansprechender zu präsentieren.
Die Sammlungsstücke dienten den Kaufleuten in Ausbildung als Anschauungsmaterial. Sie nutzten sie, um sich auf die Handelsreisen vorzubereiten. Das erste Museum dieser Sammlungsgeschichte, das 1880 eröffnete Handelsmuseum, befand sich in der Kantonsschule am Burggraben.
Ostafrikanische Textilien aus dem Toggenburg
Auffallend sind die zahlreichen Textilien in der Ausstellung. An einer Wand hängen etwa Buntwebereien aus dem Toggenburg. «Diese zeigen die Verwobenheit der Welt», sagt Fux und schmunzelt. Lokale Textilhändler bereisten fremde Länder, von der Levante über die Türkei bis nach Ägypten. Dort recherchierten sie, welche Textilien gefragt waren, und nahmen Muster zurück in die Ostschweiz. Weberinnen und Weber rekreierten diese Stoffe und Händler exportierten sie rund um die Welt.
Gewissermassen ein Spiegel zur heutigen Welt, sagt Fux. «Früher haben Toggenburger Weberinnen und Weber oft am Hungertuch genagt. Heute sind es die Arbeiterinnen und Arbeiter in Billigstlohnländern.» Dies zeige einmal mehr, wie sehr das Lokale mit dem Globalen verknüpft sei.

Missionar Otto Schulze hat 35 Jahre in China gelebt. Bei seiner Abreise erhielt er dieses Ehrengewand als Dank der lokalen Bevölkerung.
Gegen Skandalisierung und Politisierung
Der Abschluss der Ausstellung spricht aktuelle Fragen um die Museumsarbeit an. Fux betont, dass der koloniale Kontext in ethnografischen Sammlungen zwar zentral, aber komplex sei. «Wir nehmen das Koloniale sehr ernst und betrachten die Zusammenhänge differenziert.» Die Aufarbeitung sei wichtig, aber in ihrer Gesamtheit und nicht bloss in negativem Licht.
An den Infotafeln bieten pinke Infoboxen jeweils einen kritischen Blick oder eine Vertiefung. So werden Besucherinnen und Besucher beispielsweise darüber aufgeklärt, dass an den Weltausstellungen Menschen ausgestellt wurden. Die negativen Effekte des Kolonialismus werden im passenden Kontext erklärt.
Auch gibt es drei thematische Rundgänge in der Ausstellung: Kolonialismus und Rassismus, Globalisierung und Welthandel sowie neue Forschungserkenntnisse. Diese sind mit Symbolen markiert. Wer die Ausstellung also unter einem bestimmten Gesichtspunkt besuchen möchte, kann den entsprechenden Symbolen folgen.

An dieser Infostation können Schülerinnen und Schüler selber versuchen, die Herkunft eines Schwertes zu enthüllen.
Weiter erhalten Interessierte Einblicke in die Museumsarbeit. «Der grösste Teil unserer Arbeit fällt hinter den Kulissen an, ist unsichtbar», sagt Monika Mähr. Gemeint sind Forschung, Restauration, Inventarisierung, Aufbereiten der digitalen Online-Datenbank. Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben beispielsweise zwei Jahre lang in zahlreichen Archiven geforscht, um die Herkunft der 3500 Sammlungsstücke für die neue Ausstellung zu beleuchten.