99 Prozent Eigenstrom: Zwergzebuhof der Familie Gmür erhält den Waldkircher Energiepreis

Auf 14,4 Hektaren halten Urs, Ursi und Roland Gmür Zwergzebus und setzen sich für nachhaltige Landwirtschaft ein. Die Rinder aus Sri Lanka sind nicht nur aussergewöhnlich, sondern auch gut für die Zukunft gerüstet.

Text: Jessy Nzuki; Bilder: Niklas Thalmann. Dieser Beitrag ist am 24.11.2025 im St.Galler Tagblatt erschienen.

Roland, Ursi und Urs Gmür (von links) betreiben den Zwergzebuhof in Bernhardzell – auch Hündin Enya hilft mit.

Auf dem Dach des Bauernhofs spiegelt sich die Sonne in der Photovoltaikanlage. In der Scheune laden Auto, Hoflader und Einachser – alle elektrisch. Eine Belüftung leitet die Warmluft des Dachs runter in den Heuboden, um dort das geschnittene Heu zu trocknen. Mittendrin stehen kleine Rinder mit Buckel: die Zwergzebus.

Auf dem Bauernhof der Familie Gmür machen sie einiges anders als gewöhnlich. Und dafür zeichnet sie die Gemeinde Waldkirch mit dem Energiepreis aus.

Urs, Ursi und Sohn Roland Gmür sitzen zusammen am Esstisch im Wohnzimmer des Bauernhauses. Drinnen ist es kuschelig warm, während draussen der erste Schneeregen die Landschaft weisslich gefärbt hat. Urs Gmür hat das Haus mit der Hilfe seiner Familie selber isoliert. Bevor er den Familienhof übernommen hat, hat sich der gelernte Elektriker mit einem Dachdecker- und Fassadenbaugeschäft selbstständig gemacht. Sohn Stefan Gmür wird das Geschäft irgendwann übernehmen. Den Zwergzebuhof verwandelten sie in ihr Vorzeigeprojekt.

Urs Gmür setzt sich für die nachhaltige Energiezukuft des Hofes ein – und träumt von einem elektrischen Traktor.

«Mittlerweile decken wir 99 Prozent unseres Strombedarfs selber», sagt Urs Gmür. Seit eineinhalb Jahren sind alle Dächer des Hofes südlich mit Solaranlagen ausgestattet. Weiter versorgt eine eigene Quelle den Hof mit Wasser, die Heizung ist ein Holzofen und das Holz stammt aus den eigenen sechs Hektaren Wald.

Seit mehr als 100 Jahren in der Familie

Der Zwergzebuhof ist ein Familienunternehmen. 1917 hat Urs Gmürs Urgrossvater den Betrieb gekauft. Damals noch mit Kühen, Pferden, «Chind und Chegel», sagt Gmür. Vor elf Jahren haben Urs und Ursi Gmür den Hof übernommen. Damals mussten sie sich entscheiden, welche Tiere sie auf dem Hof halten möchten. Dafür haben sie sich verschiedene Möglichkeiten angeschaut. Doch als sie die Zwergzebus zum ersten Mal sahen, war die Entscheidung für das Paar klar. «Kam, sah, siegte», sagt Ursi Gmür und schmunzelt.

Ihr Fleisch gilt als Spezialität – wie Rind mit einem Hauch von Wild.

Mittlerweile leben 50 Zwergzebus auf dem Hof in Bernhardzell. 14 Muttertiere bringen einmal im Jahr Nachwuchs zur Welt. Die Kühe dürfen als Zuchttiere auf andere Höfe weiterziehen. Die übrigen Tiere zieht die Familie zwei bis drei Jahre gross, dann werden sie geschlachtet. Damit unterscheiden sie sich von gewöhnlichen Rindermastbetrieben, denn dort leben die Kälber für gewöhnlich etwa 10 Monate.

Die Rinderrasse aus Sri Lanka und Südindien bringt einige Vorteile mit sich. Auf den ersten Blick fällt die kleinere Grösse der Tiere auf. Die Kühe sind 1,10 Meter gross, die Stiere 1,20 Meter. Das ist für Ursi Gmür wichtig. «Weil ich klein bin, müssen auch die Rinder klein sein. Damit ich den Überblick über die Herde habe.»

Ursi Gmür striegelt alle ihre Zwergzebus täglich – so seien sie friedlich und zutraulich.

Die kleinen Rinder sind robust. Das heisst, sie kommen gut mit der Hitze im Sommer zurecht – deutlich besser als klassische europäische Rassen. Das sei ein Vorteil für die Zukunft, sagt Ursi Gmür. Auch mit Blick auf ihren Menüplan sind die Zwergzebus genügsam. Sie brauchen kein Zusatzfutter, sondern essen das, was auf den Grasflächen des Hofes wächst.

Anders als gewöhnliche Rinderrassen, die junges Heu bevorzugen, mögen sie älteres und strukturreiches, also solches, das schon länger gewachsen ist. Und das kommt den Insekten zugute. Auf den sogenannten ökologischen Flächen darf das Gras länger stehen bleiben und die Insekten können von den Samen und Pollen profitieren.

Laufenten ersetzen Pestizide

Im Bach, der durch das Hofgelände führt, vergnügt sich eine Gruppe von Laufenten. Sie sind Teil des Nachhaltigkeitsgedanken, der die Familie antreibt. Die Enten fressen die Schnecken, die sich ansonsten an der Ernte zu schaffen machen. Aber nicht nur die Enten sorgen für Nachhaltigkeit auf dem Hof. Die Familie verzichtet sowohl auf synthetische als auch biologische Pflanzenschutzmittel. Mit Mikroorganismen und Kräutersud stärken sie ihre Pflanzen.

Die Obstwiese dient als Förderfläche. Mit Vogelhäusern in den Hochstammbäumen kreieren die Landwirte Nistmöglichkeiten für Wildvögel. Zudem sind die Wiesen so angerichtet, dass sie als Verbindung zwischen Waldstücken dienen. Wildtiere können so ohne Probleme weiterziehen.

«Wir wollen zurück zur Natur», sagt Ursi Gmür. Das stecke hinter der nachhaltigen Landwirtschaft, die die Familie auf dem Zwergzebuhof betreibt. Es soll nur eingegriffen werden, wenn es nötig ist.

Gemüse im Abo

Mittlerweile ist die fünfte Generation am Werk. Roland Gmür ist zuständig für den Gemüseanbau. Passend dazu absolviert er das Studium zum Umweltingenieur mit Schwerpunkt auf biologischer Landwirtschaft an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Wädenswil. Das, was er in den Vorlesungen lerne, könne er direkt auf dem Familienbetrieb anwenden, sagt Roland Gmür. «Wie ein grosses, persönliches Versuchslabor.»

Roland Gmür kümmert sich um das Gemüse und die Obstbäume – und wird den Hof einmal übernehmen.

Auf aktuell 1500 Quadratmetern baut Roland Gmür zahlreiche Gemüsesorten an: von Karotten und Kartoffeln über Schnittsalat und Zwiebeln bis hin zu Mangold und Tatsoi. Die Ernte können Kundinnen und Kunden im Hofladen kaufen oder sie bestellen eine Gemüsebox. Wer ein Abo hat, kann wöchentlich eine Box mit saisonalem Gemüse und Obst beziehen.

Über den Energiepreis freuen sich Urs, Ursi, Roland und Stefan Gmür. Es sei eine tolle Anerkennung. «Wir arbeiten hier auf unserem Hügel immer etwas versteckt», sagt Roland Gmür, «es ist schön, dass die Leute so sehen können, was wir machen.»

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