Sein Lebenswerk ist die biologische Schädlingsbekämpfung. Der Insektenexperte und Forscher Siegfried Keller hat sich sowohl im Beruf als auch in der Freizeit Insekten, Pilzen, Viren und Bakterien verschrieben. In seinem neuen Buch stellt er Schlupfwespen vor – die ultimativen Insektentöter.
Text: Jessy Nzuki; Bilder: Benjamin Manser. Dieser Beitrag ist ursprünglich in der Thurgauer Zeitung erschienen, 18.08.2025.

Der Entomologe Siegfried Keller hat seine einmaligen Fotografien von Schlupfwespen in einem Buch gesammelt.
Sie sind nicht herzig und keiner kennt sie, doch Siegfried Keller hegt eine grosse Faszination für sie: Schlupfwespen – kleine Insekten, die Grosses leisten. Doch wer an gelb-schwarz gestreifte Nervensägen denkt, die im Sommer während des schönen Grillfests stören, liegt falsch.
Für den schlechten Ruf der Wespen sorgen die schwarz-gelb gestreiften Tiere. Doch diese machen nur einen geringen Teil der ganzen Spezies aus. Nach Schätzungen existieren zwischen 500’000 und einer Million verschiedener Wespenarten. Davon machen die Schlupfwespen etwa 90 Prozent aus.
Der grösste Teil der Wespen existiert also ohne gelbe Streifen und ohne bösartige Ader. Eher scheu seien sie, und mit ihrem Stachel könnten sie zwar stechen, doch täten dies nicht, klärt Siegfried Keller auf. Er ist Entomologe, ein Experte für Insekten. Viele Wespen sind winzig und so auch zu klein, um mit ihrem Stachel durch die Haut zu stechen. Schlupfwespen sind absolut ungefährlich für Menschen.
Keller sitzt am Tisch in seinem Haus in Eschenz. Ein leichter Luftzug zieht durch die offenen Glastüren. Die beiden Glasfronten ermöglichen den Blick auf den leuchtend grünen Garten.

Der Insektenkenner pflegt sein Wildbienenhotel regelmässig, um möglichst vielen fliegenden Tierchen ein Zuhause zu bieten.
Der grössere Teil des Gartens sei eher nach dem Geschmack seiner Frau; sein Teil sei hinter dem Haus, sagt Keller. Dort führt der Weg aus Steinplatten zwischen den Ästen eines Baumes hindurch, die eine Art Tor zum Insektenparadies bilden. Von beiden Seiten ragen Blumen in den Weg hinein. Die Insekten schwirren hin und her. Da eine Wespe, dort eine Hummel, und war das eine Biene? Keller kennt sie alle. Nun sucht er nach dem Stahlblauen Grillenjäger. Dieser fühle sich im Wildbienenhotel, das Keller am hinteren Ende des Gartens eingerichtet hat, besonders wohl.
Von den Grossen zu den ganz Kleinen
Schon als Kind habe er sich besonders für Tiere interessiert, sagt Siegfried Keller. Früh begann er damit, Tiere zu fotografieren. Zuerst die grösseren – Füchse, Rehe, Hasen. An der ETH studierte er Agrarwissenschaften, am Entomologischen Institut machte er seinen Doktortitel. Spätestens dann nahm die Faszination für Insekten ihren Lauf.
Die Subjekte für Kellers Fotografie wurden kleiner. Mit mehreren Objektiven und einem Ringblitz fing er Insekten ein. Seine Faszination war es, die Lebensweise der Tierchen zu beobachten und festzuhalten. Das Resultat ist eine Dia-Sammlung mit Tausenden von Bildern. 10’000 davon sind im Bildarchiv der ETH digitalisiert, weitere 10’000 haben noch keine digitale Kopie.

Tausende von Bildern wie dieses hat Keller in seiner Sammlung. Hier: Die schwarze Schlupfwespe legt ein Ei in die orange Gallmückenlarve, während diese an der weissen Grossen Brennnesselblattlaus saugt. (Bild: ETH Bildarchiv)
Nach seinem Studium fing Keller 1972 bei Agroscope an, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung. Zu der Zeit stand die chemische Bekämpfung von Maikäfern immer stärker in der Kritik, und so erforschte Keller biologische Gegenmittel.
Um einen Schädling biologisch zu bekämpfen, werden seine natürlichen Feinde genutzt. Schnell kam Siegfried Keller auf Pilze als Lösung. Seine Kollegen hätten ihn anfangs komisch angeschaut, erinnert sich Keller. Sie glaubten nicht daran, dass Pilze eine gute Möglichkeit sind. Doch Keller sollte recht behalten.
Er und seine Forschungskollegen züchteten Pilzsporen auf sterilen Getreidekörnern und beförderten die Sporen mit Sämaschinen in den Boden. Die Pilze vernichteten die Engerlinge, die Larven der Maikäfer, die die Wurzeln fast aller Kulturpflanzen fressen, direkt in der Erde. Und diese Methode hat sich durchgesetzt. Es war das erste Pflanzenschutzmittel auf pilzlicher Basis für die Anwendung im Freien.
Ein Ifolor-Fotobuch wird zum Fachbuch
Während Keller spricht, zeigt er immer wieder auf ein Fotobuch, das vor ihm auf dem Tisch liegt. Am Ende eines Projekts habe er jedem im Team ein solches Buch gemacht, sagt er. Eines der Bücher zeigt ein Projekt in Nepal. Ein Kollege hatte von seiner Methode zur Schädlingsbekämpfung gehört und wollte diese Methode auch in Nepal anwenden. Denn auch da trieben die Engerlinge ihr Unwesen. Über einige Jahre hat der Biologe das Projekt in Nepal betreut.
Ein weiteres Projekt führte Siegfried Keller nach Indien. Da machten insektizidresistenteRaupen, die Baumwollkapselwürmer, den Landwirtinnen und -wirten Sorgen. Auch in Indien konnten Keller und seine Kollegen erfolgreich Pilze einsetzen, um die Schädlinge zu dezimieren.

In seinem Buch präsentiert Keller seine Fotografien. Wie hier von einer Schlupfwespe, die eine junge Kohlweisslingsraupe parasitiert. (Bild: ETH Bildarchiv)
Keller hat eine Liebe für das Fotografische, die sich in seinen Fotobüchern zeigt. Auch sein neues Buch «Schlupfwespen. Ihre geheimnisvolle Welt beobachten und verstehen» beweist das. «Ich habe Glück, dass ich Enkel habe, die sich für Insekten begeistern», sagt Keller. Für sie hat er ein Ifolor-Fotobuch mit seinen Insektenfotos gestaltet.
Als er dies seinem Kollegen Hannes Baur zeigte, damit dieser das Geschriebene überprüfen könne, war Baur begeistert. Solche Fotos habe er noch nie gesehen, und ein Buch zu Schlupfwespen gäbe es nicht. Baur ermunterte Keller, ein wirkliches Buch daraus zu machen. «Ich habe ihm gesagt, dass ich das machen werde, aber nur, wenn er mir als Experte dabei hilft», sagt Keller.

Die Darwin-Wespe gehört zu den grössten Schlupfwespen. Viele Arten sind aber haarklein und von blossem Auge nur schwer zu erkennen.
Auf fast 240 Seiten können Leserinnen und Leser in die bisher wenig bekannte Welt der Schlupfwespen eintauchen. Die kleinen Insekten sind Parasiten. Mit ihrem Legestachel legen sie ihre Eier unter anderem in pflanzenfressende Insekten, sodass diese von den ausschlüpfenden Wespenlarven getötet werden. Doch damit tun sie der Umwelt etwas Gutes. Sie sorgen dafür, dass die Pflanzenfresserchen nicht Überhand nehmen und alles Grüne in der Natur vernichten.
Ein tierischer Begleiter
Während Keller über seine Faszination für die Eigenheiten der Schlupfwespen spricht, trottet ein braun-schwarzer Schnauzer durch den Raum. Hund Flynn hat sein Herrchen oft auf Ausflügen begleitet. Während der Insektenexperte ins Gebüsch streifte, habe Flynn seinen Kamerarucksack bewacht, sagt Keller und lacht. Ab und zu sei es vorgekommen, dass Flynn die Insekten verscheuchte.
Heute ist Flynn zu alt für die Insektentouren. Keller meint, auch er sei gemütlicher geworden. Vor 19 Jahren wurde er pensioniert. Aber noch lange darüber hinaus hat er sich mit den insektentötenden Pilzen beschäftigt und über 30 neue Arten aus der Schweiz allein beschrieben. Mittlerweile beobachtet er am liebsten im eigenen Garten das Geschehen. Wenn er etwas Spannendes entdeckt, holt er schnell seine Kamera, die immer auf der Kommode wartet.